Strike Witches:Afrika Kapitel6

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Kapitel 6 - Marseille

Als ich mich dem Zelt näherte, das Marseilles sein sollte, bemerkte ich jemand davorstehen.

Jemand Großes und Dunkles.

Wie ich mich näherte, schien sie der Gepanzerten Bodeninfanterie anzugehören, mit einem gepanzerten Striker ausgerüstet. Schwarze Witches sieht man nicht oft, sie war sogar die erste, die ich jemals sah.

"Halt."

Die gepanzerte Infanteristin zielt auf mich. Ihr Gewehr war sogar größer als die, mit denen ein gepanzerter Infanterist normalerweise ausgestattet ist. Es war schon fast eher eine Kanone als ein Gewehr.

Jemanden, der damit getroffen würde, zerrisse es in kleine Stücke, falls überhaupt noch etwas von ihm übrig bliebe.

"Ihre Genehmigung."

Ich suchte meinen Presseausweis sowie meine Zutrittsgenehmigung zur Basis heraus und zeigte sie ihr. Sie musterte die Dokumente eingehend, trat halb ins Zelt ein und sprach mit jemandem.

"Kommen Sie rein."

Was auch immer sie gesagt hatte, schien gewirkt zu haben. Die Wache wandte sich mir zu und wies ins Innere des Zeltes. Mit einer kleinen Verbeugung trat ich ein.


"Willkommen in meinem Palast."

Aus dem grellen Sonnenlicht ins Halbdunkel des Zelts getreten, konnte ich kaum etwas erkennen. Ich stand ein paar Sekunden auf der Stelle, bis sich meine Augen wenigstens etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Das Zeltinnere war prachtvoll eingerichtet. Es sah fast aus, als wäre die Möblierung direkt aus Paris eingeflogen worden.

Die Wände waren zwar nur die Stoffwände des Zeltes, aber es waren mehrere Sandsäcke, die man normalerweise als Schutz vor kleineren Geschützen vor sich aufbaute, in Form von Sofas, die Stoffwände verdeckend, aufgestapelt. Mehrere Munitions- und Versorgungskisten wurden als Tische und Sitzgelegenheiten verwendet und ganz hinten im Zelt stand, sehr zu meiner Überraschung, eine einfache Bar mit Tresen.

Es sah aus wie in einem Café in Montmartre.

Am hinteren Ende des Zeltes sitzend, sah mich eine wunderschöne Frau mit breitem Lächeln im Gesicht an.

"Ich hörte, Sie möchten ein Interview. Da haben Sie aber einen ganz schön weiten Weg auf sich genommen, bis hierhin, ans Ende der Welt."

Sie war groß, hatte langes, weißes Haar und lange Beine. Oberleutnant Marseille, von der ich nun schon so viel gehört hatte.

Sie sah aus, wie ich sie mir anhand der Gerüchte vorgestellt hatte.

Sie war stolzer, sie war aufgeweckter, sie strotzte vor mehr Leidenschaft und Leben, ihre Erscheinung war romantischer als die eines jeden. Sie war eine Witch, wie es keine zweite gab, eine Heldin aus einer Abenteuergeschichte, ein Filmstar sondergleichen.

Auch wenn sie meinte, wir befänden uns am Ende der Welt, konnte man doch Fuso, verglichen mit Europa, ebenso als solches bezeichnen. Als ich sie darauf ansprach, lachte sie laut.

"In der Tat, Fuso ist weit entfernt von Europa. Aber Fuso ist doch ebenso zivilisiertes Land, oder nicht? Vergleichen Sie das mit dieser Wüste, in der man nicht einmal die geringste Spur von Zivilisation zu finden vermag. Selbst die Herrlichkeit Roms hat die unermessliche Weite der endlosen Sanddünen verschlungen. Und selbst die letzten Nomaden, die hier so lange lebten, sind weit weg verschwunden aus Furcht vor den Neuroi. Das hier ist das einzig wahre Ende der Welt."

Das meinte sie also damit.

"Wie dem auch sei, darf ich Ihnen einen Drink anbieten?"

Wie dem auch sei, darf ich Ihnen einen Drink anbieten?

Sie rief die riesige Witch der Bodeninfanterie von draußen herein.

"Darf ich vorstellen: Matilda, meine Ordonnanz. Sie kam aus Transvaal hierher, um meine Ordonnanz zu werden, ohne mich zuvor je gesehen zu haben. Sie meinte damals: 'Gott sagte mir, ich gehöre an Eure Seite.'"

Transvaal lag am südlichen Ende Afrikas. Bis hierher war es von dort aus ein ganz schönes Stück.

"Der Gott ihres Volkes nimmt die Form eines Adlers an, der gen Norden fliegt. Im Wesentlichen wurde ihr gesagt: 'Diene ihr'."

Matilda schaltete sich in die Unterhaltung mit ein.

"Adler sind die Diener Gottes. Eines Tages erschien Gott als Adler im Himmel. Er führte mich hierher, er flog vor mir, ich sah ihn mit meinen eigenen Augen."

Marseille lächelte sanft, während sie Matildas Geschichte zuhörte.

"Ich bin sehr dankbar, dass du hier bist, Matilda. Heute brauche ich deinen Schutz jedoch nicht mehr, mach mir also einen trockenen Martini."

Matilda legte ihren einfachen gepanzerten Striker ab und ging hinter den Tresen der Bar.

"Was möchtet Ihr heute?"

"Wie wäre es mit einem Monty?"

"Verstanden."

Ich sah Matilda zu, wie sie flink und mit einer Gewandtheit, die nicht zu ihrer großen Statur passte, mehrere Flaschen zur Hand nahm. Ich fragte mich, ob die besten Bars in Paris noch mit der hier vorhandenen Auswahl an Spirituosen mithalten konnten.

"Was ist mit Ihnen? Sie werden mich doch nicht alleine trinken lassen?"

Ich nahm, was auch immer sie bestellte, musste aber fragen, was denn ein Monty sei.

"Ah, Monty ist ein britannischer General, der kürzlich erst in Afrika stationiert wurde. Er kommandiert die 8. Armee."

Und warum war der Cocktail nach ihm benannt?

"Naja, er ist fertig, warum versuchen Sie ihn nicht zuerst?"

Sie reichte mir das Glas, in dem sich eine Olive befand. Ich nippte kurz daran und konnte schon sagen, dass er wesentlich stärker war als ein gewöhnlicher Martini. Der Ginanteil war offensichtlich extrem hoch.

"Ganz richtig. Das Verhältnis von Gin und Wermut beträgt 15 zu 1. Und Monty würde nie angreifen, wenn wir dem Feind nicht mindestens 15 zu 1 überlegen wären."

Daher also der Name. Es sollte aber doch ziemlich schwer sein, eine Übermacht von 15 zu 1 gegenüber den Neuroi zusammenzubekommen.

"Selbstverständlich. Deshalb haben wir ja auch noch kein einziges Mal angegriffen."

Es schien ein oft erzählter Witz der Basis zu sein. Vielleicht war es nur ein Spaß der Truppe auf Kosten der Oberen, vielleicht war aber auch etwas Wahres dran.

Von der Grimmigkeit, die sonst auf den meisten Schlachtfeldern vorherrscht, war hier nichts zu sehen.

Selbst mein Heimatland war an schweren Kämpfen beteiligt, nicht nur durch die Europäische Expeditionsflotte, auch in Sibirien, wo die Neuroi so plötzlich auftauchten. Ich hatte, bevor ich hierher kam, vom dortigen Krieg berichtet, aber da die sehr reale Gefahr bestand, dass unser Land auch angegriffen würde, war die Stimmung unter den Truppen wesentlich düsterer.

Und da war noch die Ostfront.

Als Teil der Gegenoffensive, um Karlsland zurückzuerobern, startete man eine Invasion von Norden aus, bekannt unter dem Namen Operation Barbarossa. Allerdings fanden noch an der ganzen Front Kämpfe statt und die Zahl der ernsthaft verwundeten Witches wie Lt. Rall wuchs und wuchs.

Der Feldzug machte einen Schritt nach vorn und dann wieder einen zurück. Oder besser: Einen nach vorn und drei wieder zurück, sozusagen. Die kürzlich angelaufene, ernsthafte Unterstützung durch Liberion war wahrscheinlich ein willkommener Segen für die dortigen Truppen.

Ungeachtet dessen konnte man kaum sagen, dass der Krieg hier in Afrika schon entschieden wäre. Man schaffte es gerade, den Status quo zu halten, von Angriffen ganz zu schweigen.

Ich nehme an, das war dann wohl alles Teil Marseilles natürlich fröhlichen Gemüts.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf führte ich das Interview fort.


Am Ende eines die ganze Nacht dauernden Gesprächs hatte ich allerhand von ihr erfahren. Jedes Thema, in das wir uns vertieften, gab genügend Anlass für ein neues. Allein die Geschichte der Geburt dieses großen Asses, wie sie in dieses Land kam und den Kampf gegen die Neuroi aufnahm, war genug, um ein ganzes Buch zu füllen.

Im Leben aller Asse... nun, eigentlich nur in deren. Im Leben noch der Letzten, die an diesem Kampf beteiligt waren, hatten sich in der Vergangenheit ähnliche Dramen abgespielt.

Und im Herzen eines jeden hier flammte das Verlangen danach, diese Welt und die ihm Lieben zu beschützen. Solange wir uns dessen erinnerten, konnte man auch diese Wüste als Teil unserer wundervollen Welt betrachten.


Bevor wir auseinandergingen, reichte mir Marseille eine kleine Schaufel für den Fall, dass ich mich erleichtern müsste.

"Wenn du aus dem Zelt kommst, geh 50 Schritt geradeaus. Dreh dich um 90 Grad nach rechts und geh weitere 20 Schritt. Dann benutz die Schaufel."

Es war natürlich Nacht, daher war auch keiner da, der mich hätte sehen können, also tat ich, wie sie mich hieß. Auch wenn ich mir nicht sicher war, dass keine Witches in der Nähe waren, die selbst in einer finsteren Nacht wie dieser noch sehen konnten.


Ich hatte jedoch keine Ahnung, dass ich am nächsten Morgen einen weiteren Wegweiser finden sollte. Vor dem Zelt war ein kleines Schild auf einem Pfosten im Sand angebracht mit den Worten: "50 Schritt geradeaus, 20 Schritt nach rechts."

Ich folgte den Anweisungen erneut und kam an ein kleines Schildchen mit Aufschrift und einem Pfeil, der nach unten wies.

"Bei uns hereingeschneit aus fernem Lande, 10000 km von hier, folgte unsere Kameradin aus Fuso hier dem Ruf der Natur."

In der Umgebung sah ich noch weitere dieser Schildchen mit ähnlichen Nachrichten. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich Opfer eines ihrer Scherze geworden war.



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